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Manchmal ist er ganz schön von den Socken

 16.08.2003 / WAZ / LOKALAUSGABE / GELSENKIRCHEN

Serie Teil 3: Frank Ogrzall führt das Schiffsmeldebuch

Von Michael Muscheid

Raus zur "2322305" muss Frank Ogrzall an diesem Morgen, gleich nach dem Bürokram. Klemmt also seinen Zollstock unter den Arm, greift zu Zettel und Stift. Ein schneller Blick ins Schiffsmeldebuch sagt dem Hafenmeister: "2322305", das ist die "Greetje".

Eigentlich ist Ogrzall sowas wie der zweite Hafenmeister. Immer dann, wenn der erste im Urlaub ist, dann muss der 38-Jährige ran. So, wie jetzt in den Sommerferien. Dann lässt der Eisenbahnbetriebsleiter des Hafens seine Rangierer Rangierer sein und schnappt sich das Schiffsmeldebuch. Vier, fünf Schiffe machen täglich Station in Gelsenkirchen, und die müssen fein säuberlich erfasst werden, erst per Stift, später per Mausklick. Doppelt hält eben besser, denn jedes Schiff, das vor Anker geht, spült auch Geld in die Kassen von Gelsen-Log, der Betriebsgesellschaft des Hafens.

"Greetje" liegt scheinbar gähnend im Industriehafen. Der lange Bauch ist offen und leer, doch neben der Spundwand, da türmen sich die Schrottberge. Die Baggerführer, die zum Beladen des Kahn bereit stehen, warten nur noch auf ihn, den Hafenmeister. Auch das ist sein Job: die Tonnage ermitteln für den, der es wünscht. Mandel, der Schrotthändler, will. Und zahlt 51,13 Euro für diesen Service.

So klappt Ogrzall seinen Zollstock auseinander, misst den Abstand von der Wasseroberfläche zum Eichstrich am Rumpf. Am Abend, wenn das Schiff beladen ist, wird er wiederkommen, erneut den Zollstock anlegen. Dann zückt er den Rechner - und hat das Gewicht der Ladung schnell im Display. Der 38-Jährige, als Hafenmeister öffentlich vereidigter Eichaufnehmer, hat Erfahrung, was die Tonnage angeht. "Greetje", schätzt er, sinkt pro Tonne Schrott um einen Millimeter, 2900 Tonnen dürften es am Ende sein.
Der Hafen, das ist sein Zuhause. Sagt er. 1990 trat Frank Ogrzall, gelernter Tischler und vorher Drahtzieher bei Thyssen-Draht, seinen Job im Hafen an. Immer nur vom Wagenfenster aus hatte der Gelsenkirchener ihn bis dahin gesehen - "ab und zu auf dem Weg zur Oma". Einmal, da war er mitten drin, im Hafen, Ende der 80er Jahre, beim Fest zum 75. Geburtstag des "Wasserbahnhofs". So gut habe es ihm da gefallen, so spannend sei es gewesen, "da habe ich mich direkt beworben."
Und spannend sei es immer noch. "Hier passiert jeden Tag etwas anderes, manchmal ist man ganz schön von den Socken", sagt Ogrzall und listet all' die Kuriositäten auf, die er erlebt hat. Mal rutschte einem Schiffer der Pkw in den Hafen, berichtet er, mal rief eine Schifferin SOS, weil ihr Mann kurzerhand ein Bad im Hafenbecken nahm, mal wurde eine riesige Lok ins Schiff geladen.

Doch vor allem sei es der Alltag, der seinen Job interessant mache. Ein- bis zweimal am Tag geht der Tischlermeister als Hafenmeister durch "seinen" Hafen, auf gut vier Kilometern Länge sucht Ogrzall dann das Wasser nach neuen Schiffen oder Öl-Rückständen ab, prüft den Halt der Leitern an den Spundwänden oder die Wassertiefe am Anleger. "Das ist kein Spaziergang, sondern Schwerstarbeit", betont er - und schmunzelt doch dazu.
Denn immer wieder wird geplauscht, mit den Mitarbeitern des Hafens und den Schiffern. Rein beruflich, natürlich. "Unsere Kunden sollen zufrieden sein, sich hier wohlfühlen", betont der Hafenmeister und erklärt der Bootsbesatzung deshalb gerne den Weg zum Tierarzt, zur Movie World in Bottrop oder zum Aldi um die Ecke. Und sollte der Schiffer - weil die Beladung seines Kahns diesmal ein paar Tage dauert - nach Hause fahren, "dann werfen wir auch ein Auge auf sein Schiff".
Die "Greetje" bleibt nur einen Tag. Viel Smalltalk mit dem Kapitän ist da nicht drin in der kurzen Zeit, gerade mal das Niedrigwasser auf dem Rhein wird kurz angesprochen am Beckenrand. Macht aber nix, sagt Ogrzall, "niederländisch kann ich sowieso nicht sprechen". Und fügt an: Gut, dass meistens die Holländer Deutsch verstünden - und auch sprechen könnten.

Dann legt der Kahn mit der Nummer 2322305 ab. Blau ist der Zettel fürs Schiffsmeldebuch, auf dem Ogrzall den Zielort einträgt: Antwerpen.
Fürs nächste Schiff hat er den Zollstock schon in der Tasche.

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